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Praxis 8 Min. Lesezeit

Das Etikett lesen — in sechs Schritten zum ehrlichen Vergleich

Wie man zwei Präparate wirklich vergleicht, wenn auf beiden Packungen große Zahlen und wenig Verwertbares steht.

17. August 2026 · Redaktion Vernatura

Zwei Dosen im Regal, beide „Magnesium“, die eine 8 Euro, die andere 26. Auf beiden steht eine große Zahl. Die Frage ist nicht, welche Zahl größer ist, sondern welche Information auf der Packung überhaupt etwas taugt.

Sechs Blicke, in dieser Reihenfolge.

1. Die Menge des elementaren Stoffes, nicht die des Salzes

Der häufigste Trick ist der harmloseste — er ist nicht einmal einer, sondern nur Nachlässigkeit bei der Auszeichnung. Steht auf der Packung „Magnesiumcitrat 1500 mg“, dann ist das das Gewicht der ganzen Verbindung. Magnesium macht davon rund 16 Prozent aus, also 240 mg. Bei Magnesiumbisglycinat sind es nur etwa 10 Prozent.

Dasselbe bei Zink, Eisen, Calcium und praktisch jedem Mineralstoff. Was zählt, steht in der Nährwerttabelle: die Zeile mit der Prozentangabe zum Referenzwert. Nur diese Zahl bezieht sich auf den elementaren Stoff.

Prüffrage: Wie viel Milligramm des eigentlichen Mineralstoffs steckt in der Tagesdosis?

2. Die Tagesdosis, nicht die Kapsel

Auf der Vorderseite steht die Kapselmenge, in der Tabelle die Tagesdosis. Wenn die Tagesdosis vier Kapseln umfasst, reicht die 120er-Dose nicht vier Monate, sondern einen.

Das verschiebt den Preisvergleich um den Faktor vier — und es ist die Stelle, an der scheinbar billige Produkte teuer werden.

Prüffrage: Wie viele Kapseln am Tag, und wie lange reicht die Packung dann?

3. Die Verbindungsform

Hier entscheidet sich, ob der Stoff überhaupt ankommt. Bei Magnesium reicht die Spanne von Oxid — hoher Gehalt, schlechte Aufnahme — bis Bisglycinat. Bei Vitamin E ist natürliches RRR-alpha-Tocopherol etwa doppelt so wirksam wie die synthetische Mischung. Bei Vitamin K2 zählt die Isomerie: Nur all-trans-MK-7 wirkt.

Steht die Form nicht in der Zutatenliste, ist das für sich genommen schon eine Auskunft.

Prüffrage: Welche chemische Verbindung genau, und was steht dazu auf der Wirkstoffseite?

4. Die Zeile nach dem Wirkstoff

Was hinter dem Wirkstoff kommt, sind Hilfsstoffe: Trennmittel wie Magnesiumstearat, Füllstoffe wie mikrokristalline Cellulose, Farbstoffe, Süßungsmittel, Emulgatoren.

Ein paar davon sind technisch nötig, viele nicht. Als grobe Orientierung: Je kürzer die Zutatenliste, desto besser — und wenn ein Emulgator dabei ist, lohnt der Blick, warum. Bei mizellarem Curcumin ist er der Grund, warum das Produkt funktioniert. Bei einer Vitamin-D-Kapsel hat er nichts zu suchen.

Prüffrage: Steht in der Liste etwas, dessen Zweck sich nicht erklären lässt?

5. Der Preis je Tagesdosis

Jetzt lässt sich rechnen. Packungspreis geteilt durch die Anzahl der Tage, die die Packung reicht. Nicht durch die Anzahl der Kapseln.

Diese Zahl steht bei uns auf jeder Produktseite, weil sie die einzige ist, die zwei Präparate ehrlich vergleichbar macht. Eine 40-Euro-Dose, die vier Monate reicht, ist billiger als eine 15-Euro-Dose für dreißig Tage.

Prüffrage: Was kostet ein Tag?

6. Was das Produkt über sich behauptet

Der letzte Blick gilt nicht dem, was drin ist, sondern dem, was draufsteht. Wirbt die Packung mit einer Wirkung — und ist das eine zugelassene gesundheitsbezogene Angabe?

Die zugelassenen Formulierungen sind an ihrem sperrigen Klang erkennbar: „trägt zur Erhaltung normaler Knochen bei“, „trägt zur Verringerung von Müdigkeit und Ermüdung bei“. Wer stattdessen „stärkt die Abwehrkräfte“ oder „für mehr Energie“ schreibt, wirbt unzulässig.

Bei Pflanzenstoffen — Curcumin, Ashwagandha, Ginseng, OPC — ist jede Wirkaussage unzulässig, weil die Bewertung seit 2010 ausgesetzt ist. Wer dort trotzdem etwas verspricht, hat entweder seine Rechtsabteilung nicht gefragt oder rechnet mit deiner Unkenntnis.

Prüffrage: Steht auf der Packung eine geprüfte Angabe — oder ein Werbeslogan?

Die Kurzfassung

BlickWorauf
1Elementarer Gehalt statt Salzgewicht
2Tagesdosis in Kapseln, Reichweite der Packung
3Verbindungsform und ihre Aufnahme
4Länge und Sinn der Hilfsstoffliste
5Preis je Tag, nicht je Packung
6Zugelassene Angabe oder Werbeslogan

Das dauert beim ersten Mal fünf Minuten und danach eine. Es ist die einzige Methode, die unabhängig davon funktioniert, wie gut die Werbung gemacht ist.

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